7406 Italien: Der große Verführer

20090714 14:44:00 redazione-IT

DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29 [http://www.zeit.de/2009/29/DOS-Berlusconi]

Von Ulrich Ladurner und Birgit Schönau

Er vergnügt sich mit jungen Mädchen und spielt in der Öffentlichkeit den Clown. Trotzdem ist kein Politiker bei den Italienern so beliebt wie Silvio Berlusconi. Wie hat er es geschafft, einem ganzen Land den Kopf zu verdrehen?
Als Silvio Berlusconi 1994 zum ersten Mal die italienischen Parlamentswahlen gewann, weinte Emilio Fede vor den Augen des ganzen Landes. Eben noch war Berlusconi nur einer von vielen reichen Unternehmern gewesen, da gründete er überraschend eine Partei, und nach nur vier Monaten Wahlkampf wurde er Ministerpräsident. Es gab damals viele Leute, die vor Freude weinten, aber Emilio Fedes Tränen sahen Millionen Menschen, weil er gerade in seinem Mailänder Fernsehstudio stand und die Nachrichtensendung Tg4 moderierte. Er ist der Chefredakteur.

Als Berlusconi bei einer politischen Veranstaltung einen Schwächeanfall erleidet, macht Fede daraus die Hauptnachricht seiner Sendung. Minutenlang beschreibt er die Bilder, die einen in sich zusammensinkenden Berlusconi zeigen, dann erklärt Fede seinem Publikum: »Er hat mich aus dem Krankenhaus angerufen: ›Mach dir keine Sorgen! Es geht mir gut.‹« Und dann: »Es geht ihm gut! Macht euch alle keine Sorgen! Es geht ihm gut!« Der Chefredakteur spricht nicht nur über den Politiker Berlusconi, sondern auch über seinen Boss. Der Fernsehsender gehört Berlusconi.

»Televisione bulgara« nannte die Opposition Fedes Sendung, weil diese Art der Berichterstattung sehr an die des kommunistischen Bulgariens erinnerte. Fede ist für seine Parteilichkeit gerügt und mitunter auch vor Gericht verklagt worden, doch er tritt weiter Abend für Abend auf. Er macht es wie Berlusconi, er macht einfach weiter. Und hat Erfolg damit. Italien hat sich an die televisione bulgara gewöhnt.

Fede betreibt sein Geschäft seit zwei Jahrzehnten, und er tut es auf so offene Weise, so entrückt, dass ihn viele Italiener wie einen Komiker betrachten. Einmal rief ihn Berlusconi mitten in der Sendung überraschend an, um den Moderator niederzumachen. Fede schaute zunächst entsetzt, dann lächelte und nickte er bei jedem Wort des Anrufers. Es war eine irritierende Vorstellung, weil man sah, wie Fede an den Lippen seines Meisters hing, an den Fäden seiner Macht. Die Normalität ist so absurd, dass man gar nicht glauben will, sie könne echt sein. Das ist ein Erfolgsgeheimnis Berlusconis, und es erklärt, warum dieser so clownhaft wirkende Regierungschef der populärste Politiker seines Landes ist. Zwischen 35 und 45 Prozent Zustimmung hat seine Partei in der Bevölkerung, mehr als alle Konkurrenten. Seit 1994 ist Berlusconi drei Mal zum Ministerpräsidenten gewählt worden.

»Herr Fede, Sie haben den Ruf, einer der treusten Anhänger Berlusconis zu sein.«

»Mehr als das, viel mehr! Ich bin sein Freund, sein Weggefährte. Seit 30 Jahren.«

Fede steht von seinem Sessel im Fernsehstudio auf und weist mit der Hand auf die Fotos an der Wand, die seine journalistische Karriere dokumentieren. »Hier mit Nyerere, hier mit Siad Barre, hier mit Nelson Mandela!« Die Fotos, alle unzweifelhaft echt, bekommen unter Fedes Händen etwas Irreales. Man erkennt Siad Barre, doch glaubt man nicht, dass es der Präsident Somalias ist. Nyerere ist zu erkennen, doch ist es wirklich der tansanische Politiker? Schuld an dieser Verwirrung ist Fedes barocker Unernst, mit dem er alles einwickelt. Es ist die Art Berlusconis. Man sieht den Mann, man hört den Mann, dabei wird er immer größer, während die Welt um ihn herum immer weiter schrumpft, bis zur Unsichtbarkeit.

»27 Jahre beim Sender«, sagt Fede, »davon zwölf Jahre als Kriegskorrespondent in Afrika.« Er taucht ein in die eigene Vergangenheit, um nach einigen Minuten mit vielen Orden an der Brust wieder aufzutauchen, die er sich im Geiste umgehängt hat. Es ist seine Art, zu sagen: »Ich bin ein Profi! Mir kann man nichts vormachen!«

Fedes Büro hat eine große Fensterfront, die den Blick auf ein prachtvolles Blumenbeet freigibt.

»Das hat mir il Presidente spendiert!«, sagt er beiläufig.

Draußen liegt Milano 2, eine Satellitenstadt, die Berlusconi als Bauunternehmer zu Beginn der siebziger Jahre errichten ließ. Damals war er noch einer von vielen jungen Unternehmern aus Mailand, erfolgreich, aber noch nicht besonders auffallend. Er entsprach ganz und gar dem Image eines Mailänders. Er war tüchtig, fleißig, hatte Geschäftssinn und war elegant. Mailand ist das ökonomische Herz des Landes, immer noch. Auch wenn der industrielle Gürtel, der sich in der Nachkriegszeit um die Stadt legte, längst zerschlissen ist, repräsentiert Mailand nach wie vor die Idee, dass jeder in dieser Welt eine Chance hat, wenn er sie nur entschlossen wahrnimmt. Mailand ist ein bisschen Amerika. Über Berlusconi hieß es deshalb zu Beginn seiner Karriere auch, er habe etwas »Amerikanisches« – gemeint war damit sein zupackender Optimismus.

Milano 2, das ist der Ort, an dem Berlusconi zum ersten Mal bewies, dass er mehr anzubieten hatte als viele andere Unternehmer. Milano 2 ist das Produkt einer ziemlich klaren Vorstellung davon, wie Menschen leben sollten. 1973 errichtet er dieses Viertel mit seiner Baufirma Edilnord weit außerhalb der Stadt. 12000 Menschen leben hier in schönen Appartements, zwischen viel Grün, bestückt mit Sportanlagen und Spazierwegen. Im Zentrum liegt ein Teich, auf dem ein Paar schwarze und ein Paar weiße Schwäne schwimmen und darauf warten, dass Spaziergänger ihnen Brotstücke zuwerfen. Milano 2 ist ein Paradies für Fußgänger. Sie können durch das gesamte Viertel spazieren, ohne auch nur an einer einzigen Ampel warten zu müssen. Überall Fußgängerbrücken. Milano 2 ist nicht nur bequem, schön und entspannend, es sollte für die Bewohner auch gefahrlos sein. Selbst die Namen der einzelnen Wohnblocks erzählen nur von Idylle: Brunnen, Garten, See.

Milano 2 ist der erste Brückenkopf eines Mannes, der innerhalb von 30 Jahren Schritt für Schritt Italien eroberte und dessen wichtigstes Mittel dabei das Fernsehen war. Milano 2 war das Testgelände. Mit seinem ersten Sender Telemilano versorgte Berlusconi die Bewohner des Viertels. Fernsehen, das war seine Idee, gehört zum Rundum-Wohlgefühl der Kunden einfach dazu. Alles war auf Zerstreuung, Entspannung und Unterhaltung ausgerichtet. Der Fernseher sollte Teil ihres Lebens werden, wie der Teich, die Bäume, die Schwäne. Innerhalb weniger Jahre formte Berlusconi dann aus dem Sender mit Geschick und Rücksichtslosigkeit Mediaset, das Medienimperium, das heute in Italien keinen Rivalen mehr hat. Berlusconi ist zum Medienmogul geworden – und Emilio Fede zu seinem Sprachrohr.

Während sich draußen die Idylle von Milano 2 entfaltet, merkt man drinnen schnell, dass ein wirkliches Gespräch mit Fede eigentlich unmöglich ist. Er antwortet auf jede Frage so lange, bis die Frage, die man gestellt hat, in Vergessenheit geraten ist. Auch in diesem Punkt ähnelt er seinem Meister Berlusconi. Der ist bekannt für Monologe, die den Zuhörer verwirren und zugleich erschöpfen. Über jeden Widerspruch rollt er hinweg. Und immer sind in diesen endlosen Antworten Sätze eingebaut, von denen man glaubt, Fede hätte sie gar nicht ausgesprochen, so absurd klingen sie. Über die Villa Certosa auf Sardinien, jene Villa Berlusconis, die für die Freizügigkeit ihrer prominenten Gäste berühmt geworden ist, sagt er: »Ich finde, ein Besuch in der Villa Certosa sollte in der Biografie eines jeden Bewerbers stehen. Es ist ein Qualifikationsmerkmal ersten Grades!«

Es scheint, als halte er einen Aufenthalt in Berlusconis Vergnügungstempel für genauso karrierefördernd wie den Besuch der Eliteuniversität Harvard in den USA. Und das Irrwitzige ist: Er hat recht.

Die Villa Certosa liegt im Herzen des Berlusconischen Herrschaftssystems; wer eintritt, kommt gesegnet und gesalbt wieder heraus, bereit für den Aufstieg im Schatten des Herrn. Zumindest war das bis zum Skandal um die 18-jährige Noemi Letizia so. Sie war zusammen mit vielen anderen Mädchen Gast in der Villa. Auch sie hätte eine politische Karriere machen können, wie die anderen Frauen, die Berlusconi gefielen. Doch bei Letizia ging Berlusconis Ehefrau, Veronica Lario, dazwischen. Sie sagte öffentlich, ihr Mann verkehre mit »Minderjährigen« und die Mädchen der Villa Certosa seien »Futter für den Drachen«.

Emilio Fede sagt dazu voller Erstaunen: »Ich kenne Veronica gut. Ich weiß nicht, was sie geritten hat. Doch denke ich, dass ihr die Linke eine Falle gestellt hat!«

Die Linke, das ist das ewige Thema Berlusconis und seiner Anhänger. Überall die kommunistische Gefahr, Staatsstreiche, Verschwörungen – so, als sei Italien keine Demokratie, sondern im Dunkel des Mittelalters stecken geblieben. Ganz so, als sei Italien nicht 40 Jahre lang von Christdemokraten regiert worden, sondern von Stalinisten.

»Hätte Berlusconi die Wahlen nicht gewonnen, dann hätte sich Italien in einen Polizeistaat verwandelt«, sagt Fede. »In eine Diktatur!«

Ob er wirklich glaubt, was er da sagt, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Auch hier gilt das Prinzip: Je surrealer, desto erfolgreicher.

»Im Übrigen«, sagt er, »war diese Noemi bei mir für ein Vorstellungsgespräch. Ich habe sie schnell nach Hause geschickt und ihr geraten, an ihrer Stimme zu arbeiten.«

Zum Schluss sagt er noch: »Meinen Sie wirklich, ich hätte das Mädchen so schnell weggeschickt, wenn ich gewusst hätte, dass sie Berlusconi interessieren könnte?«

Wahrscheinlich nicht. Noemis Exfreund jedenfalls behauptet, Fede habe Berlusconi angerufen und auf das Mädchen aufmerksam gemacht.

Mädchen wie Noemi sind in Italien unter dem Namen velina bekannt, was man am ehesten mit Showgirl übersetzen kann. Sie garnieren mit ihren schönen Körpern viele Fernsehsendungen, lächeln, tanzen, sagen aber kein Wort. Velinen waren zu Beginn der achtziger Jahre eine kleine ästhetische Revolution des Fernsehens. Heute charakterisieren sie ein Zeitalter italienischer Politik. Berlusconi hat die Velinen zuerst zu einem Berufsstand gemacht und dann geadelt, indem er eine ganze Reihe von ihnen auf seine Wahllisten setzen ließ.

Denn wenn das Leben eine Show ist, warum sollte es die Politik nicht auch sein? Warum sollte, was im Fernsehen populär ist, nicht auch bei Wahlen Erfolg haben? Bei den Italienern stieß Berlusconi damit auf große Zustimmung. Denn die glaubten ohnehin, dass die Politik durch und durch korrupt sei. Berlusconi öffnete ein Portal, und herein stolzierten junge, schöne Frauen. Politik war plötzlich hip.

Elisa Alloro gehört zu ihnen, eine zarte Person, die mehr als ein Jahrzehnt für Berlusconis Sender gearbeitet hat. Dass auch sie dem Schönheitsideal des Berlusconi-Italiens entspricht, muss nicht mehr erwähnt werden. Sie trägt enge Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit Glitzerschrift. Sie funkelt wie ein Juwel. Alloro kandidierte bei den Wahlen für die Gemeinde Reggio Emilia, nichts Großes, aber immerhin. Reggio Emilia ist seit Jahrzehnten eine Hochburg der Linken. Alloro lebt allerdings in Mailand, wo man sie in der Innenstadt treffen kann, in der Nähe des Doms. Sie hat im Fernsehen ein Gespür für den richtigen Moment entwickelt. Mit perfektem Timing veröffentlichte sie kurz vor den Europawahlen, mitten hinein in die Skandalgeschichte um Noemi Letizia, ein Buch mit dem Titel Wir, die Mädchen von Silvio. Es ist ein langer Brief, adressiert an die Frau Berlusconis. »Liebe Veronica«, so beginnt es, und es folgen knapp hundert Seiten, die bedeutungsschwer klingen und doch völlig sinnleer sind. Die Lektüre des Buches erzeugt ein Gefühl, als habe man mit einer Frau einen Abend lang an einem Tresen gesessen, und während sie wie ein Wasserfall redete, habe man die eigene wachsende Verzweiflung in Bier ertränkt. Was bleibt, sind Kopfschmerzen.

Im Gespräch wirkt Alloro unsicher, fahrig, und wann immer man ihr eine Frage stellt, sagt sie: »Es steht auch alles im Buch.« Es lohnt sich trotzdem, ihr zuzuhören, weil in manchen Sätzen der Geist Berlusconis aufblitzt. »Warum«, sagt sie kraftvoll, »warum soll ein Bäcker nicht dieselben Rechte haben wie ein Politiker? Warum sollte er nicht kandidieren? Warum sollte er nicht in einem Parlament sitzen?« Damit meint sie aber keinen Bäcker, der die Kunst der Politik erlernt hat, sie meint einen Bäcker, der auch in der Politik Bäcker bleibt, mit mehlweißen Händen, mit von der Ofenhitze geröteten Wangen. Du kannst bleiben, wie du bist, und trotzdem eine Karriere in der Politik machen. Das ist die verführerische Botschaft Berlusconis.

Nachdem Alloro die Vorzüge ihres Parteichefs geschildert hat, sagt ihr Freund, der sie begleitet: »Die Sache ist doch einfach. Berlusconi lebt ein Leben, das wir alle leben möchten, oder nicht?«

Mailand ist in diesen Sommertagen so heiß, dass man sich aus der Stadt wünscht. Abends wirken die Menschen wie verwandelt, locker, fröhlich, ein wenig aufgekratzt, bereit für manche Verrücktheit. Es ist die richtige Stimmung für ein Wahlkampffest des Popolo della Libertà, der Partei Berlusconis. Das »Volk der Freiheit« versteht sich als Politik gewordener Optimismus, als Antithese zur betrübten Nachdenklichkeit. Das Fest findet unter freiem Himmel statt, in einem Restaurant, das eine Mischung aus Strandcafé und Disco ist, unter hohen Bäumen, umweht von einer frischen Brise.

Lara Comi ist gekommen, 26 Jahre alt, Spitzenkandidatin für die Europawahlen, und bevor man ihr eine Frage stellt, sagt sie: »Ich rede über alles, nur nicht über die Velinen. Ich habe nämlich ein abgeschlossenes Studium!« Management und Betriebswirtschaft. Silvio Berlusconi hat Comi im Fernsehen als »super laureata« bezeichnet, was so viel heißt wie »eine Frau mit vielen Universitätsabschlüssen«. Damit wollte er den Vorwurf abwehren, er setze nur Velinen auf seine Kandidatenlisten. Lara Comi versteht sich selbst als Teil einer heranwachsenden politischen Elite.

Tatsächlich ist auf diesem Fest ein erstaunlich bürgerliches Publikum versammelt. Viele junge Frauen, die vor Ehrgeiz glühen, viele junge Männer, die aussehen wie die idealen Schwiegersöhne. Adrett, gepflegt, absolut liebenswert. Emanuel Piona ist einer von ihnen. Er ist Jugendfunktionär des Popolo della Libertà, zu seiner Schulzeit war er Klassensprecher. Er sagt, Politik sei seine Leidenschaft und Berlusconi das Beste, was ihm passieren konnte. »Für uns junge Leute ist er ideal. Er fördert die Konkurrenz. Bei ihm setzen sich immer die Besten durch. Er will eine Meritokratie!«

Das ist für italienische Verhältnisse fast ein revolutionärer Begriff, denn das Land erstickte jahrzehntelang in einem dichten Gewebe aus Parteienwirtschaft und Klüngel. Berlusconi wirkt auf Männer wie Piona wie ein Eisbrecher, er zertrümmerte den politischen Panzer Italiens, das über 40 Jahre von der katholischen Volkspartei Democrazia Cristiana regiert wurde. Berlusconi öffnete den politischen Raum für ehrgeizige neue Leute.

Piona lässt immer wieder durchklingen, dass man auch an die Zeit nach Berlusconi denken müsse. Bei all der öffentlich ausgestellten Vitalität des Führers macht sich ja niemand Illusionen darüber, dass auch Berlusconis Leben endlich ist. Als Piona über diese Zukunft redet, wird seine Sprache weniger stürmisch, sie wird gedämpft von dem Gefühl, vielleicht schon bald in einem komplizierten Land Verantwortung als Politiker übernehmen zu müssen. Hört man ihm lange zu, dann glaubt man zu spüren, wie die kraftmeiernde Rhetorik der Berlusconi-Partei abklingt und nach und nach etwas Unerwartetes zum Vorschein kommt: die gute alte Tante Democrazia Cristiana.

Sie war die dominierende Partei im Italien der Nachkriegszeit. Von 1948 bis 1992 gab es keine Regierung ohne sie. Dann implodierte die Partei und versank in einem Korruptionsskandal gigantischen Ausmaßes. In die hinterlassene Leerstelle sprang Berlusconi, der sich vom Unternehmer zum Politiker wandelte. Die Democrazia Cristiana nannte man la balena, den Walfisch, weil sie in der Lage war, alle Widersprüche Italiens zu schlucken und zu verdauen. Sie war nicht perfekt, aber sie hielt die Balance zwischen Nord und Süd, Kapital und Arbeit, Religion und Säkularität. Berlusconi tut das nicht, er polarisiert. Piona scheint dies für ein Übergangsphänomen zu halten, die Politik der Zukunft werde weniger radikal sein. Sie sehe aus wie er, zuverlässig und vertrauenswürdig.

Arzignano ist eine kleine Stadt des Veneto, zwischen Verona und Vicenza gelegen, eingebettet in ein breites Tal, umgeben von den Ausläufern der Alpen. Es ist ein heißer Nachmittag, am Himmel ziehen schwarze Wolken auf, doch mehr als ein paar Tropfen werden sie wohl nicht verlieren über dieser 25000 Einwohner zählenden Stadt. Die gleichnamige Provinz Arzignano erwirtschaftet ein Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts – es ist eine der reichsten Gegenden der Welt. Städte wie Arzignano sind bekannt für ihre kleinen Unternehmen, manche dieser Firmen sind Weltmarktführer.

Die Unternehmer beklagen sich hier seit Jahren über zu hohe Steuern, über bürokratische Hürden, über – wie es auf Italienisch heißt – lacci e laccioli, große und kleine Fesseln. So wie die Zwerge den Riesen Gulliver mit Seilen am Boden festhielten, so binde Rom den Riesen Veneto, glauben sie hier. Dieses weitverbreitete Gefühl stärkte in dieser Region die Lega Nord, die Separatistenpartei des Umberto Bossi. »Roma ladrona – Rom, die Diebin«, war einer ihrer wirksamsten Schlachtrufe.

Heute regiert in Rom die Lega Nord zusammen mit Berlusconi und hat neben ihrem Zorn auf das Zentrum noch ein anderes Thema besetzt: die Immigration. Das zieht, gerade in Arzignano. Der Anteil der Ausländer ist hier innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten von praktisch null auf 17 Prozent gestiegen. Der Reichtum zog Schwarzafrikaner, Pakistaner, Maghrebiner in Scharen an – was in der Bevölkerung tiefe Verunsicherung auslöste. Die Lega wusste das zu nutzen.

»Mit den Ausländern sind auch bestimmte Krankheiten wiedergekommen«, sagt Andrea Pellizzari, und kaum hat er die Worte ausgesprochen, schiebt er verunsichert nach: »Es ist wirklich so, das haben uns die Ärzte gesagt!« Es ist ihm nicht ganz wohl bei dieser Aussage, das merkt man ihm an. Alles an Pellizzari ist Wohlerzogenheit, keine schlechten Worte, über niemanden, das scheint er von klein auf gelernt zu haben. Doch nun ist er in die Politik eingestiegen, er will in Berlusconis Partei Il Popolo della Libertà Karriere machen, und da muss man auch mal die Sau rauslassen.

Pellizzari ist ein liebenswerter und engagierter junger Mann. Wer mit ihm durch Arzignano spaziert, merkt schnell, dass er seine Stadt auf eine sehr altmodische Weise verehrt und dass es ihm nicht egal ist, wenn schöne alte Gebäude verfallen oder Müll auf den Straßen liegt. Jede Partei wäre froh, wenn sie Männer wie Pellizzari hätte. Warum er bei Berlusconis Partei gelandet ist? »Weil er nicht redet, sondern macht.« Die dunkle Seite Berlusconis? Propaganda. Und weil das so ist, sitzt er auf der Piazza della Libertà, im Zentrum Arzignanos, im Caffè Grifone mit anderen jungen Männern und Frauen zusammen, denen ein besseres Italien vorschwebt als das, was sie sehen. Einige darunter sind auch Aktivisten der Lega Nord, und wenn man ihren Worten glaubt, sind sie tatsächlich eine revolutionäre Kraft. »Die Verfassung?«, sagt einer von ihnen. »Die Verfassung ist mir scheißegal!« Und ein anderer springt auf, als er das Wort Resistenza hört, den Namen der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer zwischen 1943 und 1945. Auf ihr gründete das Selbstverständnis der italienischen Nachkriegsrepublik. »Lasst mich bloß in Ruhe mit der Resistenza! Nichts will ich davon hören!«

Und dazwischen sitzt Pellizzari, wohl wissend, was da gesagt wird, und doch schweigt er, denn es gilt, bei den Wahlen den Bürgermeister der Mitte-links-Koalition aus dem Amt zu wählen. Dafür braucht er Bundesgenossen, auch wenn sie zweifelhaft sind. Berlusconi war es, der Anfang der neunziger Jahre die Neofaschisten des Movimento Sociale Italiano nach mehr als 40 Jahren hoffähig machte. Seitdem bemüht er sich darum, jede Erinnerung an die antifaschistische Tradition Italiens auszulöschen. Das hört sich dann meist so an: »Faschismus? Aber ich bitte Sie, diese Frage hat doch schon längst die Geschichte entschieden!«

Wirklich?

Es ist spürbar, wie dem liebenswürdigen Andrea Pellizzari der Schauer des Unwohlseins über den Rücken läuft, als er bei einer Wahlveranstaltung zusammen mit einem Mann von Forza Nuova auftritt – einer faschistischen Partei. Berlusconi hat es vorgemacht, warum sollte Pellizzarri nicht von ihm lernen?

Vielleicht ist Haltlosigkeit der Begriff, der Berlusconi am besten erklärt; die Haltlosigkeit in allem. Wer ihn näher kennt, sagt immer wieder, er sei giocoso, verspielt, wie ein Heranwachsender, der noch nichts weiß von Grenzen, die es einzuhalten gilt. Doch dieser Heranwachsende könnte in der Politik nicht überleben, wenn er nicht über intellektuellen Begleitschutz verfügte, der seine Maßlosigkeit als einen Akt der Befreiung erklärt.

Ein Meister darin ist Giuliano Ferrara. Man trifft ihn in der römischen Redaktion seiner Tageszeitung Il Foglio , in einem Flachbau an der Uferstraße des Tibers. Man tritt ein und steht sofort in der Großraumredaktion, in der Ferrara gerade die Morgenkonferenz leitet. Er hält einen Monolog, er ist witzig, brillant, er ist in Form. Seine Kollegen lachen. Morgen wird im Foglio stehen, wie scheinheilig es sei, wenn sich die Linke über Berlusconis Partys mit Minderjährigen empöre – und Minderjährigen zugleich Schwangerschaftsabbrüche erlaube. Übt jemand Kritik an Berlusconi, sucht Ferrara sofort die dunklen Stellen des Kritikers, so lange, bis er triumphierend sagen kann: »Was wollen Sie? Sie sind doch auch nicht besser!«

Niemand ist unfehlbar auf dieser Welt, alle sind verführbar von der Macht, dem Geld, dem Sex. Alle sind wir wie Berlusconi, und darum kritisieren wir uns selbst, wenn wir ihn kritisieren. Wollen wir das wirklich? Ist es nicht schöner, wir akzeptieren uns, wie wir sind, ein bisschen korrupt, ein bisschen verlogen, ein bisschen rücksichtslos?

Berlusconi erlöst die Leute von dem Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte mit ihren Instinkten. Es ist in Ordnung, dass ihr euch in einem selbstzerstörerischen Akt von den Ketten der Parteienwirtschaft gelöst habt, von dem erstickenden Mief der politischen Korrektheit, von den lähmend langsamen Verfahren der Demokratie. Berlusconi, das ist der Wunsch, frei zu sein, frei von allen Fesseln.

Ferrara wurde 1992 durch eine Fernsehsendung auf einem Berlusconi-Kanal mit dem Titel Lezioni d’amore bekannt. Die Sendung berief sich auf den italienischen Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, eine Ikone der Linken. Es ging in der Sendung um Sex. Ferraras Ehefrau war mit dabei. Erste öffentliche Tabubrüche. Nach dem Protest der damals regierenden Christdemokraten musste Berlusconi die Ferraras aus dem Programm werfen. Heute würde das nicht mehr geschehen.

Als junger Mann war Ferrara Kommunist. Sein Vater war Chefredakteur der damaligen kommunistischen Parteizeitung Unità , seine Mutter Partisanin und dann Privatsekretärin des kommunistischen Parteiführers Palmiro Togliatti. Der junge Giuliano wurde in den siebziger Jahren »Fabrikverantwortlicher« der Kommunisten in Turin. Ein wichtiger Posten, er vertrat die Partei bei Fiat. Für Bettino Craxis Sozialisten war er im Europaparlament, in Berlusconis erster Regierung war er Minister und Pressesprecher. Nur eines ist in Ferraras Leben immer gleich geblieben, er sagt: »Ich war immer ohne Parteibuch.«

Auch der Kulturminister und Koordinator von Berlusconis Partei Il Popolo della Libertà Sandro Bondi war einst Kommunist – und Bürgermeister in der Toskana. Heute ist er ein glühender Antikommunist. Für den Journalisten Ferrara sind solche Karrieren ein Beweis geistiger Beweglichkeit.Er spricht über die Antikorruptionsermittlungen der Mailänder Staatsanwälte 1992, die die politische Klasse sprengten. »Und dann kam Berlusconi mit seinem Appeal. Für mich war es aber nie eine Frage der Faszination. Sicher, er ist sehr sympathisch, wir sind Freunde geworden. Aber Berlusconi war schon damals für mich das kleinere Übel. Ohne ihn hätten die Richter aus Mailand die Regierung bestimmt. Eine Horrorvorstellung.«

Ferrara liebt die Übertreibung, er hasst die Langeweile, auch das hat er mit seinem Idol gemein. Er sagt: »Berlusconi hat am Anfang großes Theater voller Überraschungen geboten. Verfassungsreformen und die wirtschaftliche Liberalisierung Italiens. Dank Berlusconi gibt es keine Staatspartei wie die Democrazia Cristiana mehr, es ist ein Wechsel zwischen zwei großen politischen Blöcken möglich.«

An einem heißen Sommermorgen warten im 15. Stock eines Hochhauses nahe dem Bahnhof von Neapel 25 Journalisten auf Nicola Cosentino. Er ist Staatssekretär im römischen Wirtschaftsministerium und Koordinator der Partei Il Popolo della Libertà in Kampanien. Cosentino ist ein mächtiger Mann. Kein anderer Politiker aus der Kleinstadt Casal di Principe hat es so weit gebracht. Weit gebracht hat es dort sonst nur der berüchtigte Camorra-Clan der Casalesi. Cosentinos Karriere ist ein Hinweis darauf, dass selbst Berlusconi nicht schalten und walten kann, wie er will. Er kommt an bestimmten Organisationen nicht vorbei, besonders hier, im Süden.

Nicola Cosentino lässt sich Zeit. Viel Zeit. 75 Minuten kommt er zu spät. Grußlos eilt er mit seinen Leuten in den Saal. Und beansprucht die Stühle. Die Journalisten erheben sich widerspruchslos. Sie stehen, die Politiker sitzen. Auf diesen Ritualen beharrt die Politik in Süditalien bis heute.

Cosentino stellt das Weißbuch über das Desaster der linken Mitte in Kampanien vor, eine Publikation seiner Partei über die Fehler und Versäumnisse des politischen Gegners, der Neapel und die Region regiert. Dazu gehört der Müllnotstand. Wochenlang liefen im Fernsehen Bilder der in Unrat erstickenden Stadt, bis Berlusconi aufräumte – nein, bis er Männer wie Cosentino mit dem Aufräumen beauftragte.

Cosentino war früher Lokalpolitiker für die kleine sozialdemokratische Partei PSDI, heute ist er Berlusconis Mann in Kampanien. Welche Rolle der Camorra-Clan Casalesi in dieser Beziehung spielt, untersucht gerade die Staatsanwaltschaft in Neapel. Gegen Cosentino wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet, nachdem mehrere Kronzeugen den Politiker belastet hatten. Cosentino, sagten Camorra-Aussteiger, sei ein Werkzeug der Casalesi in der Politik gewesen, der verlängerte Arm der Verbrecher. Ein Unternehmer, der 20 Jahre lang für die Camorra den Giftmüll in den Wiesen und Feldern rund um die Stadt vergrub, hat erklärt, schon in den achtziger Jahren seien Cosentino diese Geschäfte bekannt gewesen. Und der habe davon profitiert. Cosentino nimmt während seines 40-minütigen Vortrags das Wort »Camorra« nicht ein Mal in den Mund. »Wenn sich Präsident Berlusconi nicht persönlich darum gekümmert hätte, dass der Müll von der Straße kommt, würde Neapel noch immer im Abfall ersticken«, sagt er den Journalisten. Sie stehen noch immer und schauen ihn an.

Noch Fragen? Keine Fragen.

Zum Thema
DIE ZEIT 29/2009: Dolce Vita
Silvio Berlusconi – Zahlen und Fakten
[http://www.zeit.de/2009/29/DOS-Berlusconi-box-1]

ZEIT ONLINE 29/2009: Warum wählt Italien Berlusconi?
Ihn umgibt die Aura des Skandals, dennoch ist er bei den Wählern äußerst beliebt: Silvio Berlusconi ist der mächtigste Politiker und Großunternehmer Italiens. Warum?
[http://www.zeit.de/online/2009/29/diskussion-berlusconi]

ZEIT ONLINE 28/2009: Berlusconi-Show mit Schönheitsfehlern
Mit dem G-8-Gipfel im Erdbebenort L’Aquila wollte sich Italiens Premier Berlusconi als erfolgreicher Krisenmanager verkaufen. Doch seine Affären ruinieren den Plan.
[http://www.zeit.de/online/2009/28/g8-gipfel-berlusconi-italien]

ZEIT ONLINE 24/2009: Berlusconi, die Politik und die jungen Frauen
El País veröffentlicht mehr pikante Bilder von Silvio Berlusconis Anwesen in Sardinien – und einen harten Angriff des Literatur-Nobelpreisträgers Jose Saramago.
[http://www.zeit.de/online/2009/24/berlusconi-bilder]

 
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EmiNews 2009

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